Anna Tschumi

Mein Aufbruch zu neuen Ufern

Erinnerungen - Einsichten - Aussichten

Ein Auszug aus dem Kapitel

Die Farben meiner Kindheit

Ich darf behaupten, dass ich eine schöne und abwechslungsreiche Kindheit verlebte, obwohl wir finanziell nicht auf Rosen gebettet waren.
Mein Interesse an schönen Dingen ist wohl darauf zurückzuführen, dass ich schon früh meinen Sinn für Farben und Formen schulen konnte. Viele Leute in unserer Gegend fanden ihr Auskommen in einer der bekannten Strohfabriken. Strohhüte und -taschen waren in meiner Jugendzeit gross in Mode. Auch meine Mutter verdiente sich ein paar Franken als Heimarbeiterin für die Strohfabrik Isler.
Ursprünglich wurde mit echtem Stroh gearbeitet. In den Fünfzigerjahren kam Kunststroh dazu. Die Heimarbeiterinnen mussten die farbigen Kunststrohbändel entwirren, ordnen und bündeln - ähnlich wie bei der Flachs- oder Baumwollherstellung. Das eingefärbte Rohprodukt wurde anschliessend mit einer Maschine zu Stücken weiterverarbeitet.
In meinen frühesten Kindheitsjahren lebte ich inmitten der ganzen Farbpalette. Die Farben in unserer Stube wechselten täglich: Einmal gab es eine Kiste voll feuerrotem Material, am nächsten Tag war es blau, grün oder gelb. Bald lernte ich die Bezeichnungen der Farbschattierungen - orange- und tomatenrot, kobalt- und kornblumenblau, gift- oder resedagrün, zitronen- oder vanillegelb und viele mehr. Oft half ich meiner Mutter beim Abbinden der Strohbündel oder zog den vollbepackten Leiterwagen mit dem fertigen Material zur Fabrik.
Wohlen wurde wegen der traditionellen Strohfabrikation - es gab mehrere solcher Betriebe - auch "Chly-Paris" genannt.. Die Eigentümer pflegten gute Beziehungen nach Paris und in die ganzen Welt. "Unsere" Strohhüte waren berühmt. Diese Firmen sind inzwischen leider alle eingegangen. Tausende von Arbeitsplätzen in der Hutgeflecht-Industrie sind verschwunden. Nur das Strohmuseum erinnert heute noch an jene Blütezeit.

Wie das Fahrrad meiner Mutter entzweibrach: Ob den modernen Velofahrern auch so etwas passieren könnte, wie es meine Mutter einmal erlebte? Eines Tages war sie mit mir auf dem Rücksitz unterwegs. Instinktiv spürte sie, dass mit dem Fahrrad etwas nicht in Ordnung ist. Sie hielt an und stieg ab. In diesem Moment brach das Velo auseinander. Meine Mutter liess ein Foto machen, um diesen ungewöhnlichen Vorfall fürs Familienalbum zu dokumentieren. Hinter dem Rad steht mein Bruder Beat.

Meine Mutter war eine der ersten Frauen in Wohlen, die sich eine Strickmaschine kaufte. Damit erledigte sie Aufträge von Privatkundinnen aus dem Dorf. Die Frauen brachten ihr Wolle von unterschiedlicher Qualität und in allen nur denkbaren Nuancen: unifarbene, melierte und gesprickelte, dickere und dünnere Garne. Aus Mutters Strickheften mit den neuesten Kreationen suchten sich die Damen etwas Passendes aus. Stricksachen waren in den Vierziger- und Fünfzigerjahren gross in Mode. Meine Mutter fertigte die Kleidung mit ihrer Wundermaschine in der gewünschten Grösse: Pullover, Jacken, Jupes und Röcke - also Unter- und Oberteile - und Zweiteiler.
Sie strickte auch für meine jüngere Schwester Trudi und mich. Wir waren ungefähr gleich gross und immer gleich angezogen. Trudi war blond, ich dunkelhaarig, beide mit langen, sorgfältig geflochtenen Zöpfen. Wir waren zufriedene Kinder und freuten uns, dass unsere Mutter auch für uns nähte. Wir konnten uns durchaus sehen lassen.
Wenn Theres aus Zürich zu Besuch kam, die Schwester meiner Mutter, stellte ich allerdings jedes Mal fest, dass sie noch besser angezogen war als wir. Sie lebte schliesslich in einer Grosstadt. Sie trug exklusive Hüte, elegante Kleider und dazu die passenden Taschen. Später wurde sie meine Firmpatin. Ich war stolz auf die Schönste aller Patinnen.

Mit meiner Schwester und meiner Mutter, festlich gekleidet und sorgfältig frisiert: Wir freuen uns auf die Hochzeit von Tante Anna, der Schwester meine Mutter

Mit meiner eleganten Firmpatin Theres aus Zürich, Mutters zweiter Schwester

Die eine blond, die andere dunkelhaarig: Meine Mutter strickte und nähte viel für mich und Trudi (links), so konnten wir uns durchaus sehen lassen (hier mit Elschi Meyer, rechts)

Die Modewelt begeisterte mich schon früh. Gerne blätterte ich in Modekatalogen und kreuzte an, was mir gefiel, obwohl wir es uns nicht leisten konnten, davon auch nur etwas zu bestellen.
Meiner Schulkollegin Barbara, Tochter einer Familie von Schuhfabrikanten, erging es in dieser Hinsicht besser. Die Pfisters pendelten zwischen Paris und Wohlen hin und her. Die exklusiven Pfister-Modellschuhe verkauften sich auch in Frankreich. Barbara zog bald nach der Schule nach Paris und arbeitete als Mannequin. Ich verlor sie aus den Augen. Ich vermisse sie auch bei den Jahrgängertreffen unserer Schule, die alle fünf Jahre stattfinden. Was wohl aus Barbara geworden ist?

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