Martha Regli

Hummer und Haschguezli

Ein Auszug aus dem Kapitel

Einfach abhauen

Nach zwölf Monaten England kehrte ich ins Elternhaus zurück und half wieder im Betrieb aus. Es sollte nicht von Dauer sein …
Wie immer ging es in unserer Wirtschaft besonders hektisch zu, sobald ein besonderer Anlass bevorstand. Diesmal war es die Vier-Kantone-Rundfahrt. Der Fahrradtross wurde auch auf dem Mutschellen erwartet.
An dem entscheidenden Tag regnete es in Strömen. Vati gab uns Anweisungen, auf dem ganzen Buffet Gläser für "Kaffee Träsch" aufzubauen, damit sich die Zuschauer ohne Wartezeiten ein wärmendes Getränk abholen und zur Strasse mitnehmen konnten.
Sobald die ersten Tour-Gäste, die die Rennfahrer beim Vorbeiflitzen beobachten wollten, eintrafen, fingen wir an, "Kaffee Träsch" zuzubereiten. Das garstige Wetter trieb die Leute ins Trockene. Wir verkauften auch alkoholfreie Getränke und hatten alle Hände voll zu tun, sämtliche Wünsche zu erfüllen. Die Arbeit wollte einfach kein Ende nehmen.
Nach stundenlangem Einsatz musste ich austreten, kam aber nicht dazu: Immer neue Gäste wollten bedient werden. Erst nach ungefähr acht Stunden Arbeit ergab sich eine Möglichkeit, kurz zu verschwinden. Dass nicht einmal Zeit blieb, die Toilette aufzusuchen, empfand ich als unmenschlich. Nach diesem qualvollen Erlebnis wollte ich nicht länger zu Hause mitarbeiten. Ich hatte die Nase endgültig voll und überlegte mir, wie ich am Besten verschwinden könnte.
Mein Jugendfreund Otti sollte mir dabei helfen. Wir kannten uns seit unserer Schulzeit. Wegen meines langen Heimwegs hatte ich damals bei seinen Eltern, der Lehrerfamilie Hüsser in Berikon, die Mittagspause verbracht. Nebst Vater und Mutter Hüsser sassen elf Kinder um den Tisch. Da war immer etwas los. Mit so vielen "Geschwistern" das Mittagessen einzunehmen, gefiel mir ganz ausgezeichnet. (Ich betrachtete die Hüsser-Kinder nämlich als meine Geschwister.)
Otti war der Älteste. Nach meinem Englandjahr wurde er mein Freund.
Otti studierte schon an der Universität Zürich. Er besass ein Mofa. Als die Zeit zum Abhauen gekommen war, stand er damit zu später Stunde vor dem Haus meiner Eltern.
Wir entkamen unbemerkt. Mein Freund fuhr mit mir nach Zürich. Wie vereinbart, brachte er mich dort vorläufig bei einem Bekannten unter, wo auch er gerade wohnte.

Mit meinem Jugendfreund Otti: Er half mir, von zu Hause abzuhauen

Nun begann eine wunderschöne Zeit des Nichtstuns. Herumhängen, schwimmen gehen, Partys feiern und die junge Liebe geniessen - so sah unser Leben aus.
Doch das Zimmer kostete hundert Franken im Monat. Meine Ersparnisse schwanden. Langsam aber sicher musste ich daran denken, mir eine Arbeit zu suchen. Also hielt ich nach einer Stelle Ausschau.
Es gelang mir, mich bei Ueli Prager vorzustellen, der gerade am Sihlquai in Zürich ein neues Mövenpick-Restaurant eröffnete. Da ich drei Sprachen beinahe perfekt beherrschte, wurde ich sofort engagiert. Man war sehr mit mir zufrieden.

Es dauerte ungefähr drei Monate, dann erschienen meine Eltern und holten mich wieder nach Hause. Es machte mir nichts aus, auf den Mutschellen zurückzukehren, da meine Freundschaft mit Otti sowieso aufgeflogen war.
Dort lief alles wie gehabt, und ich fiel wieder in den alten Trott. Doch dann sahen auch meine Eltern ein, dass ich nicht dazu geboren war, daheim zu bleiben.
Sie schickten mich für die nächsten drei Jahre auf die Handelsschule Gademann (die heute Juventus heisst) nach Zürich. Die Prüfung bestand ich mit Bravour. Nebenher konnte ich mir in der Wirtschaft meiner Eltern mit Servieren ein paar Batzen dazuverdienen.
Nach Abschluss der Handelsschule meldete ich mich zum eidgenössischen Frauenhilfsdienst (FHD) und absolvierte in Kreuzlingen die vier Wochen Rekrutenschule fürs Militär. So würde ich von zu Hause wegkommen, dachte ich.

Disziplin statt Unabhängigkeit: Martheli (links) als Rekrutin beim Frauenhilfsdienst

Wir waren eine ganze Kompanie FHDs. Doch statt in die ersehnte Unabhängigkeit kam ich vom Regen in die Traufe: Ich musste mich in der Armee ziemlich unterordnen. Hier wurde Disziplin verlangt! Dagegen hatte ich mich zu Hause stets gewehrt … Trotzdem möchte ich diese Erfahrung nicht missen. Sie hat mir gewiss nicht geschadet.
Anschliessend fand ich eine Stelle als Stewardess auf dem Trans-Europe-Express, TEE genannt. Der Schnellzug fuhr auf den Strecken Zürich-Amsterdam und Zürich-Mailand. Heute verkehrt er nicht mehr.

Am Puls der grossen weiten Welt: Als Stewardess im Trans-Europe-Express

Ich war für die Reservationen verantwortlich. Meine Aufgabe bestand darin, den Passagieren ihre Plätze anzuweisen und bei Bedarf im Speisewagen bei der Bedienung der Gäste mitzuhelfen. Auch informierte ich die Leute, die in ihren Abteilen warteten, sobald nach dem ersten Service wieder Plätze im Speisewagen frei wurden.

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