Francis Béboux

Die sieben Leben
des Francis Béboux

Ein Auszug aus dem Kapitel

Meine Leidenschaft fürs Handwerkliche

Wenn die anderen Kinder nach der Schule mit dem Lernen aufhörten, fing ich erst damit an. Die Zeit, die meine Schulkameraden beim Spielen oder zu Hause in ihren Familien, in der Küche oder auf dem Feld zubrachten, nutzte ich, um die Dinge zu lernen, die ich tatsächlich lernen wollte: Ich ging zu den Handwerkern in der Nachbarschaft und fragte, ob ich ihnen helfen könne. Die meisten sagten ja.
Teils aus Notwendigkeit, etwas für die Familie zu leisten, vor allem aber aus Begeisterung für die vielen unterschiedlichen Tätigkeiten zog es mich dorthin. Ich wollte mir all diese Fertigkeiten aneignen, wollte lernen mit den Maschinen umzugehen, mit denen man Dinge herstellen, umformen oder reparieren konnte.
Dem alten Schreinermeister Jehle durfte ich die Schleifeisen reichen, und er erlaubte mir sogar, selbst an der Drehbank zu stehen: "Wenn du willst, kannst du mit alten Holz-Stücken schön bauen, was du magst."
Ich baute, ganz Schweizer, eine Armbrust - aus Holz und einem Schirmstängeli, dazu einen Pfeil mit einer Nadel an der Spitze. Das ganze funktionierte wunderbar: Der Pfeil landete im Popo eines Nachbarsjungen, welcher gleich nach Hause lief und jammerte.
Bald darauf erschien sein Vater bei meinem Vater in der Post und verlangte, dass er mit mir schimpfen solle, damit ich so etwas nicht mehr tue. Ich erntete eine Ohrfeige und tat es nicht mehr.
Auch ein Flugzeug aus Restholz entstand in der Schreinerwerkstatt - Flugzeuge interessierten mich also schon damals.

Sehr gerne ging ich auch zur Autogarage nebenan. Sie wurde von zwei älteren Herren geführt, Erhard und Dalward, denen ich dabei zuschaute, wie sie Autos reparierten. Und ich half ihnen, wo es möglich war. Irgendeine leichte Arbeit, die ich verrichten konnte, fand sich immer!
Manchmal, wenn sie gerade wieder einen Motor repariert oder gewartet hatten, durfte ich sogar eine Aufgabe übernehmen, die sie ausser mir niemandem anvertrauten: Bei der Probefahrt legte ich mich neben dem Motorraum auf einen der Kotflügel.
"Du muss gut hinhören, ob der Motor schön rund läuft. Wenn du etwas hörst, was nicht gut ist, dann gibst du ein Zeichen", wiesen sie mich an.
Und wie ich die Ohren spitzte! Doch auch die Augen hielt ich offen, denn ringsum in der Nachbarschaft standen die Schulkameraden mit offenem Mund. Wie beneideten sie mich darum, dass ich so mit den Autos fahren durfte!
Wenn wir am Abend unser Werkzeug hinlegten, sagten die beiden Männer zu mir: "Kommst du morgen wieder? Dann sehen wir, was wir zusammen machen können."
Natürlich kam ich am nächsten Tag wieder!

Zu den Handwerkern, deren Freundschaft ich mir mit meinem hartnäckigen Interesse, aber auch meiner freundlichen Art errang, gehörte auch ein Spengler. Er benutzte ebenfalls vielerlei interessantes und ganz spezielles Werkzeug, das ich ausprobieren konnte.
Ich lernte bei ihm den Umgang mit Rohren aller Art - schneiden, biegen, verschrauben und löten. Wie sehr mir auch dies später nutzen würde, davon hatte ich allerdings nicht die geringste Ahnung …

Ein Auszug aus dem Kapitel

Die verräterische Fahrradkette

Was ich in all den Werkstätten aufschnappte, wollte ich natürlich selbst anwenden: Ich wurde zu einem regelrechten Fahrradmechaniker.
Es begann damit, dass ich nach der Schule Velos putzte und mir damit ein wenig Geld verdiente. Dann fing ich an, alte Fahrräder neu zu bemalen und richtig schön herauszuputzen. Mit Hingabe pinselte ich frischen Lack auf die alten Rahmen, so dass die Drahtesel beinahe wieder zu stolzen Rössern wurden.
Ich verdiente mit meiner eigenen Arbeit Geld, das konnte ich sparen und mir später einmal etwas dafür kaufen - das spornte mich weiter an.
Bald beschaffte ich mir vom Schrotthändler Lottner alte, rostige Velos und einzelne Teile für wenig Geld, um sie zu Hause wieder in Ordnung zu bringen. Ich putzte sie kräftig, ersetzte fehlende oder defekte Teile und bemalte sie. So verkaufte ich als Knabe manches Velo.

Auch ein Fahrradhändler im französischen Hégenheim zählte zu meinen Freunden. Er legte mir immer wieder alte Fahrradteile zurück, die ich bei ihm abholen konnte.
Einmal fragte ich ihn nach einer gebrauchten Fahrradkette, doch leider hatte er gerade keine da.
"Du musst eine neue nehmen", sagte er, "ich gebe sie dir billiger."
"Die muss ich aber an der Grenze verzollen", zögerte ich.
"Du kannst sie dir ja um den Bauch wickeln."
Ich wickelte also die Kette um meinen Bauch und machte mich, mit etwas klopfendem Herzen, auf den Heimweg.
Am Grenzübergang schaute mich der Zöllner an, grinste und fragte tatsächlich: "Und? Hast du etwas zu verzollen?"
"Nein, nein", antwortete ich nachdrücklich.
"Na, dann zieh doch mal die Kette herauf, die dir da unter der Hose hervorschaut!"
Erschrocken schaute ich an meinen Beinen herunter: Unter meinen kurzen Hosen baumelten zwanzig Zentimeter Fahrradkette herum. Ich war aufgeflogen!
‘Hoffentlich ruft der jetzt nicht meinen Vater an, dann gibt's eine Tracht Prügel’, dachte ich und muss den Zöllner wohl so herzerweichend angesehen haben, dass er nur verschmitzt lachte und mich durchliess.
Erleichtert betrat ich Schweizer Boden und setzte mein Werk zu Hause fort.
Noch viele Jahre später sprachen mich manchmal ehemalige Nachbarskinder auf Ausstellungen an: "Weisst du noch, die vielen schönen Velos, die du gemacht hast?!"

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