Gustav Alberts Herscheid

Geschichte(n) eines Familienunternehmens
in fünf Akten

Aus Akt III: Geschichte in Geschichten

Naturgewalten

»Es brennt! Die Beschichtung brennt!« Am frühen Vormittag des 16. März 1983 saß Betriebsleiter Eugen Naber an seinem Schreibtisch und sah durchs Fenster, als plötzlich Rauchschwaden aufstiegen. Sofort drückte er den Knopf der Telefonanlage, um Dietrich Alberts die Schreckensmeldung durchzugeben. Dann ging alles sehr schnell. »Wir konnten nicht mal die Stapler wegfahren, die fünfzehn Meter von der brennenden Beschichtungsanlage entfernt standen, so rasend breitete sich das Feuer aus«, berichtet Werner Hildebrand. »Ich stürzte auf das Dach, um mit der Motorsäge den hölzernen Verbindungsgang zu den Büros und das Pappdach abzutrennen. Die Pappe unter meinen Füßen war schon warm und weich. Außerdem mussten wir den zweihundert Liter fassenden Öltank, der direkt an der Brandmauer aufgestellt war, retten, sonst wäre die gesamte Maschinenhalle abgebrannt. Helmut Hoffmann und ich rissen dem stellvertretenden Gemeindebrandmeister die Wasserspritze aus der Hand und kühlten das volle Ölfass.«

Der Elektromeister Ernst Potthoff, über Jahrzehnte als Betriebs-elektriker für GAH-ALBERTS tätig, hatte gerade einen Stanzauto-maten repariert, packte seinen Werkzeugkoffer zusammen und wollte wieder nach Hause fahren. Da sah er Dietrich Albert hektisch entlang laufen und vernahm etwas von einem Brand. »Ich lief hinterher und schaltete nach und nach den Betrieb ab, während die Feuerwehr bereits zu löschen begann.«

Als Dietrich Alberts in der Schreinerei eintraf, die über der Beschichtung im ersten Stock untergebracht war, »liefen noch viele Leute herum, um verschiedene Dinge zu retten. Doch innerhalb von zehn Minuten füllte sich der Raum mit Rauch, so dass wir auf dem Fußboden kriechen mussten und uns nur laut rufend verständigen konnten. Plötzlich vermissten wir Karl-Friedrich Bräker, als Mitarbeiter von Eugen Naber in der Arbeitsvorbereitung tätig, und befürchteten, dass er irgendwo zusammengesunken war. Glücklicherweise konnte er sich unbemerkt nach draußen retten.«

Auch in anderen Abteilungen harrten die Mitarbeiter bis zur letzten Sekunde aus, um wichtige Materialien in Sicherheit zu bringen oder den Betrieb aufrecht zu halten. So lief der Versand weiter. Die LKW der verschiedenen Speditionsfirmen fuhren über die Feuerwehr-schläuche hinweg und luden die Waren auf. »Der Brand hatte sich soweit ausgebreitet, dass wir das Büro evakuieren mussten«, wirft Friedrich Schürmann in die Runde. »Wir bildeten eine Schlange vom ersten Stock, die Treppe runter, über die Straße bis ins Wohnhaus der Familie, um die Karteien und Preislisten zu retten. Die Schreib-tische trugen wir in den benachbarten Büroneubau, wo die Telefon-leitungen bereits gelegt waren, aber der Fußboden noch fehlte. Indes nahm Hiltraut Rettberg weiter Aufträge unserer Kunden entgegen. Wir mussten ihr den Hörer aus der Hand nehmen, als die ersten Flammen durch den Ventilator ins Büro schlugen.« Dabei wollte sie dem Kunden lediglich noch sagen, dass es brennt, sie auflegen müsse und später anrufen werde.

Inzwischen hatte ein Siemens-Mitarbeiter auf der Autobahn per Radio erfahren, dass die Straße zwischen Herscheid und Plettenberg wegen eines Brandes gesperrt war, und schloss sofort auf Alberts. Umgehend nahm er Kurs auf Herscheid. Während auf der einen Seite noch das Feuer gelöscht wurde, verkabelte er im Neubau die Telefone auf den provisorisch eingeräumten Tischen, schaltete die alten Nummern, und gegen 17.15 Uhr funktionierte die Anlage wieder. »Als ich an meinem Schreibtisch saß«, berichtet Hiltraut Rettberg, »klingelte das Telefon. Der Kunde vom Vormittag war am Apparat und sagte: 'Sie wollten mich doch wieder anrufen!'«

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